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Alpiner Skisport im Iran Februar 1999, Ende eines Jahrhunderts, Lust auf etwas Neues - so liesse sich die Erfahrung von fünf italienischen Telemarkern im Iran auf einen Nenner bringen. Eine Reise mit Skiern im Gepäck
Iran: Geschichte, Kultur, Traditionen und warum nicht? Sport Wintersport natürlich, auch wenn es zunächst vielleicht seltsam klingen mag. Im Iran gibt es viele über 4000m hohe Berge, und der Damawand, ein inaktiver Vulkan, der mit seiner charakteristischen Kegelform den Höhenzug des Elbursgebirge dominiert, erreicht sogar 5670m ü.d.M. In der Umgebung von Teheran gibt es Skianlagen aus den 70er Jahren, die von der Höhenlage her so manchen der berühmten Skigebiete in den Alpen ebenbürtig sind. Die beiden bekanntesten Skigebiete sind Shemshak und Dizin. Wir waren in Dizin und haben dort unberührte Hänge mit einer erstklassigen 40cm dicken Pulverschneedecke vorgefunden. Eine Telemark-Reise in den Iran lohnt sich, auch in Anbetracht der mehr als moderaten Kosten einer solchen Aktion. Aber alles der Reihe nach Im Sommer 1998 lese ich einen Artikel, der vom bevorstehenden 20. Jahrestag der Revolution im Iran handelt. In Gedanken versetze ich mich in meine Kindheit zurück, sehe konfuse, durch die Bildröhre gefilterte Bilder dieses geheimnisvollen, fremden Landes vor meinen Augen Ein Ansturm von Nachrichten, Erinnerungen an die Schulzeit und natürlich auch eine Portion Neugier Neugier, die mich veranlasst, das Internet nach weiteren, aktuelleren Informationen und Nachrichten zum Thema Iran" oder besser gesagt Persien" zu durchforsten. Im Internet findet man ja alles Mögliche, und so entdecke ich, dass es im Iran Berge gibt und dass es dort im Winter schneit. Toll! Ich teile meine Entdeckung unverzüglich meinem Kompagnon mit und nehme erste Kontakte mit dem Aussenministerium, der Botschaft sowie potentiellen Sponsoren auf. Zwei Monate vor der Abreise zieht sich mein ehemaliger Geschäftspartner aus dem Projekt zurück, d.h. er wird nicht mit von der Partie sein. Glücklicherweise komme ich in Kontakt mit Giorgio Daidola, der nach nur zwei Telefonaten (vielleicht aber auch schon nach der ersten) Interesse an einer Teilnahme bekundet. Die Zeit vergeht, und Giorgio, der sich als optimaler Mitarbeiter erweist, schafft es, so nach und nach drei seiner Freunde für das Projekt zu begeistern. Obwohl wir uns vor der Reise überhaupt nicht kannten, stellen sie sich als perfekte Reisegefährten heraus. Noch 29 Tage bis zur Abfahrt. Nach vielen ablehnenden Bescheiden von Firmen, die wir als mögliche Sponsoren kontaktiert haben, schenken uns Swissair, Scarpa und Vittor Tua Ski (das einzige Bielleser Unternehmen, von dem wir ein Feedback bekommen) ihr Vertrauen. Kein ganzer Monat mehr Die Lust auf Telemark in iranischem Schnee steigt von Tag zu Tag Der Abreisetag ist gekommen. Giorgio trifft mit Leonardo Bizzaro und Michele Fedrizzi (dem einzigen Ungläubigen", der noch nicht zum Telemark bekehrt ist) am Flughafen Caselle (Turin) ein, während Filippo Iacoacci, der aus Rom anreist, unterwegs in Zürich zu uns stösst. Ach ja, fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass Giorgio die Grippe hat und sich grosse Sorgen macht, dass er zu sehr geschwächt sein könnte. Später erweisen sich seine Befürchtungen jedoch als völlig unbegründet Der Flug von Zürich nach Teheran dauert fünf Stunden. Bei unserer Ankunft stellen wir die Zeiger unserer Uhren um zweieinhalb Stunden vor, so dass wir ungefähr um 4 Uhr 30 morgens ankommen. Nach rascher Abwicklung der Zollformalitäten werden wir von den Mitarbeitern des Teheraner Reisebüros Caravan Shara in Empfang genommen und zu unserer Freude mit einem Minibus ins Hotel Mashad gebracht, wo wir ein paar Stunden schlafen. Um 7 Uhr 30 sind wir bereit für eine erste Kostprobe iranischen Gebirges. Farzhad, Alpinexperte und hervorragender Fremdenführer, erwartet uns schon zusammen mit einem iranischen Jungen (Snowboarder), um in Dizin Ski zu laufen oder genauer gesagt: um zu telemarken. Die Strasse, die uns aus Teheran herausführt, dieser wuchernden Riesenstadt mit 10 Millionen Einwohnern, durchquert märchenhafte Landschaften, die zunächst ockerfarbig sind, dann grau, grün und schliesslich weiss Tatsächlich: im Iran gibt es Schnee, und was für Schnee! Dizin: 12 Seilbahnen und Skilifte, davon 2 zweisitzige Seilbahnen, 4 dreisitzige, diverse Sessellifte und ein paar Schlepplifte, hervorragend präparierte Pisten und kaum zu glauben, aber wahr - ganze Scharen von Snowboardern, genau wie bei uns daheim, aber zum Glück mit etwas mehr Respekt vor dem Neuschnee Für uns öffnet sich die Pforte zum Paradies: Pulverschnee, so weit das Auge reicht, und unberührte Hänge, die es zu erobern gilt In den Augen eines Bewohners der westlichen Welt sieht Dizin wie ein Skiort in den Alpen aus, wenn auch die Ausrüstung der Besucher nicht der letzte Schrei ist: Parkplätze, Geschäfte, Skiverleih, Kartenschalter, Schlepplifte, Sessellifte, Schneekatzen. Der einzige Unterschied, abgesehen von der Tatsache, dass Anlagen und Ausrüstung aus den achziger Jahren stammen, besteht darin, dass die Frauen gesetzlich verpflichtet sind, ihr Gesicht zu verschleiern. Am Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg nach Teheran. Die Rückkehr in die Stadt am Freitagabend (Feiertag) verläuft chaotisch, da wir in den Stossverkehr geraten. Am darauffolgenden Morgen sind wir um 7 Uhr bereit für die Fahrt zum Damawand, die auf den Bergstrassen mit ihren Tunneln etwa zwei Stunden dauert. Von einem 2500m hohen Pass erblicken wir den Damawand in seiner ganzen Erhabenheit. Für das, was wir vorhaben, ist es der ideale Berg. Er ist eingehüllt in eine Wolke aus blendend weissem Schnee, der vom starken Wind hochgewirbelt wird. Im letzten Dorf stellt unser Reisebegleiter Farzhad eine Gruppe von Gepäckträgern zusammen, die uns helfen, unsere Ausrüstung zur ersten Berghütte zu transportieren. Die Hütte liegt auf etwa 2900m Höhe und wurde kürzlich als Moschee instandgesetzt, doch Bergsteiger werden freundlich aufgenommen. Nach einem nur dreiviertelstündigen Aufstieg kommen wir mit unseren Seehundfellen schliesslich ans Ziel und bereiten die Übernachtung vor. Die übliche Expeditionsprozedur: Schlafsack, Essen, das nicht gerade Michelin-Sterne bekäme, Plaudereien und ausführliche Erörterungen darüber, ob Alpinski und Telemark eher als rechts oder links einzustufen sind und süsse Träume. Nächster Morgen, Sonnenaufgang, 8 Uhr Aufbruch zum Biwak in 4200m Höhe. Steiniges Gelände, trockene Mohnpflanzen, Wind, heftiger Wind, der von Minute zu Minute auffrischt Wir steigen weiter hinauf, Felsen, Schnee und Wind, Wind, Wind Die Skier haben wir mittlerweile an unseren Rucksäcken befestigt und stapfen weiter durch Schnee und Wind, der jetzt so stark bläst, dass der Aufstieg auf den schneebedeckten Felsgrat fast unmöglich ist Endlich gelangen wir zum Bunker, oder besser gesagt zum feuchtkalten Biwak. Rasch richten wir unser Lager mit den Schlafsäcken her, essen eine karge Mahlzeit und schlafen bzw. versuchen, mit Hilfe von Schlaftabletten und Schmerzmitteln gegen die Kopfschmerzen, unter denen alle in der Gruppe leiden, Schlaf zu finden. Nach einer geräuschvollen Nacht (der Wind pfeift ständig um den Damawand) machen wir uns an den Abstieg. Nach zwei Stunden kommen wir auf Skiern nicht mehr weiter, weil der Wind die schneebedeckten Schluchten in ein unwegsames Gelände mit steinhartem Schnee verwandelt hat, das den Einsatz von Steigeisen erfordert. Die verbleibenden vier Stunden unseres Abstieges verlaufen auf bröckeligem Gelände. Mittlerweile macht sich auch die Höhe bemerkbar Ab der Stelle, an der wir die Skier anschnallen konnten, war der Abstieg phantastisch. Der Wind hat zwar einerseits das letzte Stück verweht, hat aber andererseits eine Unmenge Schnee in den Zwischenschluchten angesammelt, so dass wir eine Höhendifferenz von 2300m (von 4600m auf 2300m) bis zu unserem Treffpunkt mit dem Kleinbus telemarkend" zurücklegen konnten. Schluchten, Felssprünge aus Vulkangestein, Schnee und Wind das sind Erinnerungen, die auf Dias gebannt sind. Trotz allem eine phantastische Erfahrung Im Iran gibt es grossartige Gebirge und wer weiss vielleicht nächstes Jahr Gruss an alle, schaut Euch mal die Bilder an! Abschliessend lässt sich sagen, dass eine Reise in den Iran empfehlenswert ist; die ganzen Nachrichten, die durch Fernsehen und Zeitungen gefiltert zu uns vordringen, sind mit Vorsicht zu geniessen; viele Vorurteile müssen abgebaut werden. Wir haben uns sehr wohl gefühlt, haben nette, herzliche Menschen kennengelernt und wurden mit grosser Gastfreundschaft aufgenommen. Das Essen ist köstlich und abwechslungsreich. Mein einziger Ratschlag: Unsere 10 Tage sind wie im Flug vergangen, weshalb es sicher nicht schlecht wäre, mindestens zwei Wochen einzuplanen, damit man mit der Sportreise wenigstens einen kurzen kulturgeschichtlichen Abstecher in den Süden des Landes verbinden kann. Selbstverständlich sollte man die Sitten und Gebräuche des bereisten Landes respektieren, um jeglicher Diskussion aus dem Weg zu gehen. Aber das ist für respekt- und rücksichtsvolle Menschen sicher ohnehin eine Selbstverständlichkeit Piero Ruffino |